Journal

…schreibend den Dingen einen Namen geben.

Was bedeutet die Schöpfung für eine künstlerische Arbeit? Denn natürlich ist auch der Künstler schöpferisch tätig. Kann in der menschlichen Schöpfung auch das göttliche Prinzip fließen, spürbar werden? Paul Klee hätte diese Frage bejaht, hat sie bejaht: “Aus abstrakten Formelementen wird über ihre Vereinigung zu konkreten Wesen oder abstrakten Dingen (…) hinaus zum Schluss ein formaler Kosmos geschaffen, der mit der großen Schöpfung eine solche Ähnlichkeit aufweist, dass ein Hauch genügt, den Ausdruck des Religiösen (…) zur Tat werden zu lassen”. Im Anspruch an eine göttlich durchdrungene Bildschöpfung geht Neuhold noch einen Schritt weiter, wenn er sich als “Ausführenden” beschreibt, durch den hindurch andere Kräfte walten und sichtbar werden wollen. Er spricht auch von der schöpferischen “Potenz”, die in den Tiefen jedes Menschen schlummert - und in den “edelsten” Schöpfungen wird der Mensch sogar zum Mitschöpfer Gottes.

Aus: Alois Neuhold - Du musst dir die Augen ausreissen und die Hände an die Ohrstiegen legen, S. 96, SpringerWienNewYork, 2013.

Über das Schöpferische

Im Atelier Köln Zollstock

Mehrere Arbeitsplätze reihen sich aneinander, ebenso Bilder, Plastiken, sogar Musikinstrumente. Dies ist der künstlerische Lebensraum von Helmut Brandt. Halbfertige Werke stehen in Gruppen beiseite geräumt, andere sind, mit Passepartouts versehen und sortiert, in kleineren und größeren Kartons verpackt. Ein paar Leinwände, in Folie gewickelt, ruhen in einem eigens dafür konstruierten Holzgestell. Farben und Malwerkzeuge scheinen auf Tischen und Regalen ihren festen Platz gefunden zu haben. (…) Schriftbilder, in zahlreichen Grautönen. Es ist mir rätselhaft, wie diese zustande kommen. Helmut Brandts Bilder sind wie Ausgrabungsorte, die er durch zufällige Prozesse des Aufdeckens und Übermalens selbst erschafft. Dabei entstehen spannende, poröse Oberflächen, in denen sich Schichten aneinanderreihen, aus ganz unterschiedlichen Zeiten.

Aus: Helmut Brandt und die verdichtete Zeit, 2013. 

Dann wäre da noch die Schrift, die als grafisches Element die Komposition unterstützt, lesbar bleibt, dann aber in Unlesbarkeit mündet und zur reinen, spontanen Formgestalt wird. Dabei fällt die Schrift ganz auf ihre Ursprünglichkeit zurück, ist plötzlich wieder Bild anstatt Inhaltlichkeit, lässt offen anstatt zu definieren, dehnt sich im Raum aus anstatt sich in der Zeit zu manifestieren. Und doch, das geschriebene trägt Bedeutung in sich, und in der wiederholenden Handbewegung wird diese Bedeutung in das Bild gleichsam eingeschrieben und kann als Geistiges wirken.

Im Metaphysischen treffen sich dann Entschriebenes, Entfärbtes, Entformtes und Entleertes aufeinander, um sich als zutiefst persönliche Weltsicht des Malers dem Betrachter zu offenbaren.

Aus: GAPAsterk - Eine Frage der Zeit, S. 6, 2014.

Über den eigenen Vater schreiben

Zeit - Linie - Entgrenzung: vielfach durchwebt Renate Krammer die gesamte, in sich begrenzte Fläche mit unabgrenzbarer Bewegung. Eine simultane Dynamik, dichte Rhythmien, visuelle Vibrationen entstehen und den Linien, ihren Zwischenräumen und auftretenden Bewegungsimpulsen. Linien bilden Raum, Raum, der bis zu seinen Rändern und darüber hinaus wächst und atmet,(…).

Aus: Renate Krammer - Lines 2, 2015. 

Der Linie entgegen

Der weibliche Blick auf die Welt

Märchen.haft. So schlüpft Claudia Unterluggauer seit Jahren immer wieder in die Rolle von Märchenfiguren, die verschiedenste Interpretationen des Weiblichen zulassen: sei es die mythologische Figur der Hexe mit dem Fischschwanz oder die “böse Hexe” als eiserne Jungfrau, das Mädchen mit den Schwefelhölzchen in seiner materiellen Not oder Schneeweißchen und Rosenrot, in der die ideale Schwesternbeziehung als Harmonie der Gegensätze zum Ausdruck kommt.

Der Autor ist tot (frei nach Roland Barthes), gleichzeitig hat die Autorin aber eine ganz andere Geschichte - welche Geschichten das sind, und welche Aspekte des Weiblichen hier zum Tragen kommen, untersucht Unterluggauer an sich selbst.

Aus: Claudia Unterluggauer: Selbstinszenierung als Spiegel der Welt, Die Brücke Kärnten, 196/170, S. 22, 2015.